Coronavirus - Lehrer wollen Ausweichquartiere, Schüler Schichtbetrieb

Kimberger: "Lage an Schulen spitzt sich zu" - Laut Bildungsministerium derzeit 199 von 55.000 Klassen in Quarantäne - Petition für einen Sitzplatz pro Kind in
Schulbussen
Wien (APA) - Angesichts steigender Infektionszahlen wollen Lehrer- und
Schülervertreter den Unterricht an den Schulen anders organisieren. "Die Lage an den
Schulen spitzt sich zu", betont der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) im APAGespräch.


Um Standorte mit einer beengten Raumsituation zu entlasten, sollen diese
deshalb einen Teil des Unterrichts in Ausweichquartieren abhalten.
Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek spricht sich für eine Umstellung auf
Schichtbetrieb aus.
Das schlechte Wetter habe die Lage an den Schulen verschärft, so Kimberger zur APA.
Die Infektionszahlen in der Gesellschaft seien insgesamt gestiegen, es sei die Zeit der
grippalen Infekte und Schüler und Lehrer würden ihre Tage in teils überfüllten
Klassenräumen verbringen. Dort sei Lüften manchmal wegen der baulichen
Voraussetzungen gar nicht möglich.
Die Folge: "Wir haben schon sehr viele Schüler und Lehrer in Quarantäne", sagt
Kimberger. An manchen Standorten gebe es deshalb Probleme, den Unterricht aufrecht
zu halten. Laut Zahlen des Bildungsministeriums ist die Zahl der von den
Gesundheitsbehörden geschlossenen Klassen aber weiter überschaubar: Sie ist in den
vergangenen zwei Wochen von 69 auf 199 (bei insgesamt 55.000 Klassen) gestiegen -
eine Zahl, die Kimberger viel zu gering erscheint. Der Grund für die Quarantäne sei
freilich in den meisten Fällen langes Warten auf ein - ohnehin meist negatives -
Testergebnis. Hier müssten die Gesundheitsbehörden noch schneller werden und
endlich einheitlich vorgehen.
Um das Infektionsgeschehen an den Schulen zu verringern, spricht Kimberger sich für
die Nutzung von zusätzlichen Räumlichkeiten wie ohnehin leer stehenden
Veranstaltungsräumen von Gemeinden oder von Vereinen aus. Das ist schon derzeit
möglich, für die Anmietung wäre laut Bildungsministerium der Schulerhalter (und damit
bei Pflichtschulen die Gemeinden) zuständig.
"Wenn sich die Situation weiter zuspitzt, sollte man zumindest einen Schichtbetrieb in
Betracht ziehen, bevor wir wieder in die Situation eines generellen Lockdowns
kommen", so Kimbergers Vorschlag für Bezirke mit besonders hohen Infektionszahlen.
Bei der Coronaampel des Bildungsministeriums ist die Möglichkeit von Distance
Learning und Schichtbetrieb bei Ampelfarbe Orange nur für die Oberstufe vorgesehen.
Die Regierung hat zuletzt immer wieder betont, dass die Schulen so lange wie möglich
offen bleiben sollen.
Eine möglichst rasche Umstellung auf generellen Schichtbetrieb fordert unterdessen
Bundesschulsprecherin Bosek von der ÖVP-nahen Schülerunion. Bei den Oberstufen
seien hier keine Probleme zu erwarten. Für die Jüngeren müsse es dabei auch an jenen
Tagen Betreuung geben, an denen sie eigentlich keinen Präsenzunterricht haben. "Die
Maturaklassen haben wirklich Angst vor einem zweiten Lockdown", betont sie.
Auch im Unterricht selbst ortet sie Änderungsbedarf: Sie plädiert gegenüber der APA
für eine Einschränkung des Sportunterrichts, wo die Schülergruppen durchmischt
würden, niemand Masken trage und auch kein Abstand eingehalten werde. Laut
Coronaampel des Bildungsministeriums ist ab der Farbe Gelb (die derzeit an den
meisten Schulen gilt) Unterricht in Turnhallen nur unter Auflagen (kleine Gruppen,
Belüftung, keine Kontaktsportarten) erlaubt.
Die Einhaltung der grundsätzlichen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen
(Abstandhalten, Händewaschen) funktioniert laut Bosek bei den Oberstufenschülern
ganz gut, in den Unterstufen allerdings nicht. Sie würde sich wünschen, dass die Schüler
regelmäßig vom Klassenvorstand an die aktuell geltenden Regeln erinnert und dabei
auch über die Infektionslage an der jeweiligen Schule informiert werden, um sowohl
Nachlässigkeit als auch unbegründete Ängste der Schüler zu verhindern.
Probleme ortet Bosek beim Thema Lüften: "Es wird ziemlich viel gelüftet und dadurch
nehmen die Erkältungen bei Schülern zu." Auch Kimberger räumt ein, dass es hier an
manchen Schulen offenbar Probleme gebe. Er wünscht sich deshalb eine Klarstellung
von Bildungsministerium und Bildungsdirektionen, wie laut Empfehlung von Virologen
und Fachleuten am besten gelüftet werde.
Handlungsbedarf sieht er übrigens nicht nur in den Schulen selbst, sondern auch bei
der Anfahrt: "Die Schulbusse sind total überfüllt, da kann keinesfalls der Abstand
eingehalten werden", kritisiert er. Allerdings habe es hier im Vergleich zum Schulbeginn
da und dort Verbesserungen gegeben, indem die Koordination verbessert und
zusätzliche Transportmittel zur Verfügung gestellt wurden. Die Elternvereine Österreichs
haben am Dienstag in diesem Zusammenhang eine Petition gestartet. Sie fordern, dass
im Schulbus jedem Kind ein gesicherter Sitzplatz zur Verfügung stehen muss. Derzeit
würden Kinder unter sechs gar nicht gezählt und bei Unter-14-Jährigen zählen drei
Kinder als zwei Personen. Das führe dazu, dass in einem Bus mit 50 Sitz und 37
Stehplätzen derzeit bis zu 130 Kinder transportiert werden dürften.
Ein "Tohuwabohu" beim Umgang der Regierung mit den Schulen hat unterdessen FPÖ-
Bildungssprecher Hermann Brückl am Dienstag in einer Aussendung ausgemacht.
"Obwohl viele Schuldirektoren Konzepte vorlegen, die einen geregelten und vor allem
sicheren Schulbetrieb ermöglichen würden, werden dennoch immer wieder Schulen
geschlossen." Außerdem müssten Kinder "oft stundenlang bei geöffneten Fenstern dem
Unterricht folgen". Er forderte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angesichts des
geringen Infektionsgeschehens an den Schulen dazu auf, er solle "mehr Weitblick und
Rationalität walten lassen".

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