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Schulautonomie: Kritiker sehen nur Strukturpaket statt mehr Autonomie

APA0062 5 II 0741 XI Do, 27.Apr 2017
Schule/Österreich
Schulautonomie: Kritiker sehen nur Strukturpaket statt mehr Autonomie
Utl.: Bereits über 800 Stellungnahmen - Skepsis bei geplanten Schulclustern, Flexibilisierung von Gruppengröße und Unterrichtszeit - Kritik auch an Bildungsdirektionen =


Wien (APA) - Das Bildungsreformgesetz der Regierung bringe den Schulen nicht mehr Autonomie. Stattdessen handle es sich um ein Struktur- und Verwaltungspaket, das die Situation der Schüler und Lehrer nicht verbessern wird, sind sich Lehrergewerkschafter, Direktoren und Schüler in ihren Stellungnahmen zum Begutachtungsentwurf einig. Auch diverse Interessenverbände verlangen Änderungen der Reformpläne.
Mehr als 800 Kommentare und Verbesserungsvorschläge wurden bisher zu dem Gesetzespaket abgegeben, noch bis Ende April sind Stellungnahmen möglich. Allerdings hat Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (S) die Eckpunkte der Reform bereits im Vorhinein für "nicht verhandelbar" erklärt.
Gerade einer der Eckpunkte - die Möglichkeit, bis zu acht Schulen unter einem Leiter zu sogenannten Clustern zusammenzufassen - stößt allerdings in vielen Stellungnahmen auf Kritik: Dass es an den einzelnen Schulen anstelle von Direktoren nur noch pädagogische Bereichsleiter geben soll, wird als Verlust der zentralen Ansprechperson vor Ort beklagt. In Wien seien die Schulzusammenschlüsse sinnlos, weil hier die Schulen ohnehin groß sind, während am Land die geplante Reform durch Fahrtkosten, Reisespesen und Tagesgebühren für Clusterleiter und Lehrer das Schulsystem verteuern würden.
Die AHS-Direktoren kritisieren, dass bei "Riesenclustern" mit bis zu 2.500 Schülern einfach eine weitere Verwaltungsebene eingezogen werde, weil bei so großen Einheiten ohnehin weiter jede Schule eine eigene Leitung bräuchte. Auf einhelligen Widerstand stößt außerdem der Plan, dass Cluster unter bestimmten Bedingungen auch gegen den Willen der Lehrer gebildet werden können. "Gänzlich inakzeptabel" lautet etwa das Urteil des AHS-Direktorenverbands.
Auch jene Maßnahmen, die den Schulen mehr Freiheiten bringen sollen, stoßen teilweise auf Widerstand. Der Zentralausschuss der Wiener Pflichtschullehrer befürchtet, dass die Flexibilisierung der Gruppengrößen wegen der steigenden Schülerzahlen bei gleichzeitigem Raum- und Lehrermangel unweigerlich zu größeren Klassen führen wird, Gruppen von mehr als 25 Schülern seien in Wien allerdings "pädagogisch nicht mehr zumutbar". In anderen Stellungnahmen wird gewarnt, dass über die Aufhebung der Klassenschülerhöchstzahl in den Clustern durch große Gruppen an einem Standort kleine Gruppen an einem anderen "gegenfinanziert" werden.
Mehrere Lehrervertretungen haben auch Sorge, dass sie wegen der Möglichkeit, von den 50- minütigen Unterrichtseinheiten abzugehen, mehr unterrichten müssen. Aus Sicht der Pflichtschullehrergewerkschaft ist diese Maßnahme außerdem ohnehin nicht administrierbar.
Die Möglichkeit, Schüler vor und nach dem Unterricht bzw. an schulautonomen Tagen zu beaufsichtigen, wird ebenfalls von Lehrer- und Direktorenvertretern abgelehnt: Ohne zusätzliches Geld sei das schlicht nicht machbar.
Auf wenig Gegenliebe stößt ein weiteres zentrales Element der Reform, nämlich die geplante Umwandlung der Landesschulräte in Bildungsdirektionen. Die Verwaltung werde dadurch nicht vereinfacht, kritisiert etwa die AHS-Gewerkschaft. Die Weisungsketten wirkten "fast skurril" und Konflikte seien damit vorprogrammiert. Sie fürchtet außerdem, dass zusätzliche Kosten der Bildungsdirektionen zulasten der Schulen gehen könnten, nachdem das gesamte Autonomiepaket kostenneutral sein muss. Auch die Schülervertretung sieht eine reine Namensänderung ohne Bürokratieabbau. Insgesamt wird laut Pflichtschullehrergewerkschaft die versprochene Selbstbestimmung der Schulen "durch restriktive zentralistische Vorgaben unter dem Vorwand der einheitlichen Steuerung zunichte gemacht". Für die Wiener Pflichtschuldirektoren etwa droht durch im Gesetz geplante Vorgaben bei der Stundenaufteilung das Ende der verschränkten Ganztagsschule: Grund ist die Vorgabe, dass am Freitag sowie einem weiteren Tag nur bis 13 Uhr Unterrichts- und Lernstunden stattfinden sollen. Die Folge wäre, dass alle Freizeitstunden auf zwei Tage konzentriert werden müssten; von einem Wechsel zwischen Unterricht, Lernen und Freizeit bliebe nicht viel übrig.
Lehrer der Ganztagsvolksschule Landstraßer Hauptstraße fürchten wiederum das Ende für die Wiener Mehrstufenklassen, bei denen mehrere Lehrer Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam unterrichten. Dieses Modell sei nämlich ohne zusätzliche Ressourcen schlicht nicht möglich.
Bemängelt wird auch vielfach, dass das Reformpaket "kostenneutral" sein soll, das Finanzministerium aber durch die Ablöse der Landesschulräte durch die geplanten Bildungsdirektionen zusätzliche Kosten erwartet. Die AHS-Gewerkschaft fordert überhaupt eine Anhebung der Bildungsausgaben in Österreich um zwei Milliarden Euro pro Jahr. "Dieses Volumen würde den Bewegungsraum schaffen, den Schulen brauchen, um Autonomie leben zu können."
Das Bundeskanzleramt sorgt sich, dass durch die angekündigte de-facto-Abschaffung von Schulversuchen künftig kein Ethikunterricht mehr an den Schulen angeboten werden darf. Außerdem fordert es, dass auch konfessionelle Privatschulen Teil eines Schulclusters werden können, um eine Diskriminierung aus religiösen Gründen auszuschließen.
Nicht alle Stellungnahmen fallen allerdings negativ aus. Lob gibt es etwa für die geplante gesetzliche Möglichkeit, dass nicht mehr schulpflichtige Schüler außerordentliche Schüler ein freiwilliges zehntes Schuljahr absolvieren können, dass künftig für Lehrer bei der Betreuung chronisch kranker Schüler Rechtssicherheit herrschen soll und dass Schulärzte künftig auch Schutzimpfungen, Gesundheitserziehung und - beratung durchführen dürfen.


(Schluss) riß/aku/mk
APA0062 2017-04-27/08:30
270830 Apr 17